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„In vino vis vitalis“: Stärkt Rotwein die Gesundheit?

„In vino vis vitalis“: Stärkt Rotwein die Gesundheit?

Ein Glas Rotwein am Tag soll Herzinfarkt vorbeugen. Weißwein kann einen niedrigen Puls ausgleichen. Wein ist bekömmlich, hilft beim Einschlafen und selbst die vielgepriesene Hildegard von Bingen war der Meinung, dass Wein, das „Blut der Erde“, Menschen mit seiner „gesunden Wärme und großen Kraft“ erfreut. Doch was ist dran an den Mythen? Gibt es tatsächlich stichhaltige wissenschaftliche Beweise, dass Rotwein oder Weißwein gesund sind?

Das französische Paradoxon

verschiedene Weine

verschiedene Weine

Ende der 70er Jahre fanden Wissenschaftler heraus, dass Franzosen – im Vergleich zu anderen Industrienationen – trotz Alkoholkonsum und fettigem Essen weniger Herzinfarkte erlitten als Bewohner anderer Industrienationen. Bereits 1819 wurde dieses Phänomen beobachtet, seinen Namen „französisches Paradoxon“ erhielt die Beobachtung 1992 von Dr. Serge Renaud, einem Wissenschaftler der Universität Bordeaux. Doch ob tatsächlich der Rotwein für die Herzgesundheit der Franzosen verantwortlich ist, ist noch nicht zur vollsten Zufriedenheit geklärt.

Hoher Polyphenolgehalt könnte Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs vorbeugen

Zahlreiche Studien haben jedoch inzwischen den hohen Polyphenolgehalt bei Weinen als möglichen Auslöser für die schützende Wirkung ausgemacht. Dieser Stoff ist in den Schalen der Traube enthalten – deshalb soll vor allem der Rotwein das Herz stärken, denn er wird aus den ganzen Trauben gewonnen, während Weißwein nur aus dem Saft gewonnen wird. Polyphenolische Inhaltsstoffe, wie z. B. Resveratrol, sollen die Blutfettwerte verbessern, Arterienverkalkung vorbeugen und somit das Herz schützen.
Tatsächlich haben Ärzte auf einem Kardiologenkongress im Jahr 2008 eine Studie mit 200.000 Teilnehmern vorgestellt und sind zum Schluss gekommen, dass ein moderater Weinkonsum (etwa drei bis vier Gläser pro Woche) Herz-Kreislauf-Erkrankungen um etwa 30 Prozent reduzieren kann. Absolut sicher ist dies allerdings nicht: Es wäre auch möglich, dass sich Weintrinker insgesamt gesünder ernähren und die Studie deshalb verzerren.

Dem Phtoalexin Resveratrol werden derzeit folgende Wirkungen zugeschrieben, die allerdings – bis auf die antioxidativen Eigenschaften – noch nicht hieb- und stichfest abgesichert sind:
● Schutzwirkung gegen kardiovaskuläre Erkrankungen
● Antioxidative Eigenschaften
● Positive Effekte auf Arteriosklerose, Arthritis und Alzheimer
● Chemotherapeutische Effizienz ohne Toxizität
● Modulation von Entzündungsprozessen (vgl. Arthritis)

Derzeit wird fleißig daran geforscht, welche Wirkungen der Pflanzenstoff Resveratrol hat, der vor allem in der Haut blauer Trauben und in Erdnüssen vorkommt. Im Jahr 2008 erschien in der Zeitschrift „Advances in Experimental Medicine and Biology“ eine Studie des Universitätsklinikum Rochester, das nahelegt, dass der Stoff dabei hilft, die Resistenz von Krebszellen gegen Chemotherapie abzuschwächen. So meint Dr. Okunieff vom Universitätsklinikum Rocherster:

 
„Resveratrol scheint einen therapeutischen Nutzen zu haben, indem es Tumorzellen gegen Strahlentherapie sensibilisiert und normales Gewebe vor dieser schützt (…) Obwohl weitere Studien notwendig sind, zeigt diese Entdeckung jedoch, dass Resveratrol eine vielversprechend Zukunft als Teil der Krebsbehandlung haben wird.“

 
Doch wenn auch bewiesen wurde, dass Resveratrol die veränderten Mitochondrien in Krebszellen hemmt, wurde noch nicht bewiesen, ob das mit dem Rotwein

Glückliche Senioren

Glückliche Senioren

aufgenommene Resveratrol auch tatsächlich in ausreichenden Mengen bei den Zellen ankommt – oder ob es erst von der Leber abgebaut wird, bevor seine schützenden Eigenschaften wirken können.
Und wie ist es mit Traubensaft statt Wein? Das müsste doch auch klappen? Nein! Während in frischem rotem Traubensaft bis zu 1100 µg/l Resveratrol vorkommen, ist die Konzentration in Rotwein wesentlich höher: Sie liegt bei 2 – 12 mg/l.

Welcher Rotwein ist besonders gesund?

Der Antioxidantien-Star, Resveratrol, kommt besonders in jenen Trauben vor, die unter kühlen und feuchten Kima-Bedingungen aufwachsen, z. B. in Bordeaux- und Burgunderweinen. Warum? Weil Resveratrol der Weinrebe als natürliches Antipilzmittel dient und in einem feuchten Klima eher Pilzbefall auftritt – ergo: der Stoff wichtiger ist. Laut einer Studie schneiden Bioweine deutlich besser ab – sie enthalten im Schnitt doppelt so viel Resveratrol wie Weine aus konventionellem Anbau.
Einen besonders hohen Anteil an Resveratrol haben folgende Sorten:
● Cabernet Sauvignon oder Merlot bzw. Bordeauxweine
● Pinot Noir bzw. Blau- oder Spätburgunder (z. B. der Duck Pond aus Oregon)
● Gamay bzw. Weine aus Beaujolais
● Generell Bioweine (z. B. Primitivos, Bio-Wein von Perrini)

Um noch einmal auf die eingangs erwähnte Hildegard von Bingen zurückzukommen, die dem Wein große Heilwirkung zuschrieb: Wein kann positive Auswirkungen haben. Trotzdem ist Wein kein Heil-, sondern ein Genussmittel, das mit Vorsicht genossen werden sollte.